Sie heißen Bolivar oder Perfecto, sind Zigarren und schmecken am besten in geselliger Runde
Mario Scheuermann
Gespräch unter Männern. Rauchschwaden durchziehen die Gaststube. Dicke Luft, zum Schneiden. “Was macht dein Torpedo?” “Der müßt· jetzt doll gehn mit dem Brombeer.” “Ja, sie kommt. Immer würziger.” Im beiläufigen Wechsel des Genus liegt der Schlüssel dieses kryptischen Gedankenaustauschs. Die Rede ist von einer langsam vor sich hin glühenden Montecristo No. 2, einer am Brandende volle zwei Zentimeter messenden Havanna, die wegen ihrer konisch zulaufenden Fasson den martialischen Fabrikationsnamen Torpedo trägt.
Die neue Lust am Zigarrenrauchen kommt aus den USA. Als dort Anfang der 90er Jahre Glimmstengel jeglicher Art aus der Öffentlichkeit und vor allem aus den Restaurants per Gesetz verbannt wurden, entdeckten die Zigarrenfreaks schnell einen Ausweg. Statt sich in Hinterzimmern zu verstecken, gingen sie in die Offensive und mieteten noble Gourmetlokale für demonstrative “Smoke Ins”. Nicht die Raucher wurden verbannt, sondern die Nichtraucher ausgeschlossen. Das Laster avancierte zum Kult. Smokin· and jokin· das ist das Lebensgefühl der tonangebenden “Twentysomethings”.
Arne Butenschön aus Hamburg, der mit seinen in der Dominikanischen Republik gefertigten Chambrair-Zigarren die deutsche Top-Gastronomie beliefert, glaubt “eine klare Tendenz zum Genußrauchen statt Suchtrauchen” zu erkennen und resümiert angesichts einer Zuwachsrate seiner Importe von 25 Prozent: “Man zeigt wieder, was man hat, unter anderem dadurch, daß man die längsten und dicksten Formate raucht.”
Es ist nicht zu übersehen. Die Zeiten haben sich geändert. In den späten 60er Jahren der letzte Zigarre rauchende Staatsmann von Format, Winston Churchill, war 1965 gestorben, Ludwig Ehrhardt 1966 als Kanzler gescheitert ließen sich Abiturienten Existenzialistenbärte wachsen und nuckelten Pfeife mit Cavendish. Politiker jeglicher Couleur vom jungen Helmut Kohl bis zum alten Herbert Wehner waren prominente Leitbilder für diese Form des Tabakgenusses. Doch die Diseuse Lotte Lenya hat es schon in den 30ern gewußt. “Nimm doch die Pfeife aus dem Maul, du Hund”, verlangte sie von ihrem “Surabaja Johnny”. Sich eine Zigarre anzünden, das ist ein Akt erotisch, fordernd, selbstbewußt. Die Pfeife dient eher zum Festhalten. In den Augen des Cigar-Lovers ist sie nichts anderes als eine Mundkrücke.
In einer Zeit, in der Machismo nicht mehr allein den Männern vorbehalten ist, sondern eine Frau wie Madonna ihre sexuellen Phantasien öffentlich und Zigarre rauchend auslebt, sind die Leitbilder andere: Arnold Schwarzenegger, Demie Moore, Mel Gibson, Tina Turner. Die Zigarre ist nicht nur chic und trendy. Sie ist obendrein im Gegensatz zur Zigarette in den Augen jener Generation von Edel-Konsumenten, für die Luxus und Lifestyle nicht im Gegensatz zu Solidarität und Ökobewußtsein stehen, auch political correct.
Für viele Länder der Dritten Welt hat sie einen beachtlichen volkswirtschaftlichen Stellenwert. Handelt es sich doch um ein landwirtschaftliches Produkt mit hoher Wertschöpfung, ähnlich wie Cognac und Champagner. Hunderttausende von Familien beziehen dort aus der aufwendigen Handfertigung ein wenn auch bescheidenes Auskommen. Mehr als 300 spezielle Handgriffe, ausgeführt von 40 besonders geschulten Fachkräften, sind während der verschiedenen Produktionsphasen nötig, bis aus dem rohen Tabak eine puro wird.
Auch Revolution und Sozialismus konnten nichts daran ändern, daß man in Kuba die Tradition der Zigarrenherstellung pflegt und ehrt. Klangvolle Markennamen schmükken, wie schon vor hundert Jahren, die nostalgischen Banderolen und farbenfrohen Lithographien. Die Zigarren sind benannt nach Freiheitshelden wie die “Bolivar”, nach Figuren der Weltliteratur wie “Romeo y Julieta” oder “Sancho Pansa”.
Quelle und mehr: Berliner Zeitung